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Resolution 1973 des UN-Sicherheitsrates
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Die Resolution 1973 des UN-Sicherheitsrates ist eine Resolution, die der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in seiner 6498. Sitzung am Abend des 17. MĂ€rz 2011 mit zehn BefĂŒrwortern und fĂŒnf Enthaltungen verabschiedete. Der Sicherheitsrat reagierte damit auf die sich verschĂ€rfende Situation des BĂŒrgerkriegs in Libyen.
Contents
âą Inhalt
⹠Völkerrecht
âą Siehe auch
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Inhalt
Das Gremium stellte fest, dass es die libyschen Behörden versĂ€umt haben, sich an die Resolution 1970 des UN-Sicherheitsrates zu halten. In dieser Resolution war die libysche Regierung aufgefordert worden, ihre Zivilbevölkerung zu schĂŒtzen, und es war ein Waffenembargo verhĂ€ngt worden. Es verurteilte die massiven und systematischen Verletzungen der Menschenrechte und willkĂŒrliche Verhaftungen sowie Verschleppung, Folter und standrechtliche Hinrichtungen und auĂerdem die Akte der BrutalitĂ€t und EinschĂŒchterung gegenĂŒber Journalisten und Medienvertretern sowie deren HilfskrĂ€ften und drĂ€ngte auf die Einhaltung der Resolution 1738 (2006).
Sie fordert an erster Stelle einen sofortigen Waffenstillstand und ein vollstÀndiges Ende der Gewaltanwendungen und aller Angriffe gegen Zivilisten.
Als zweites spricht sie sich fĂŒr eine Intensivierung der Anstrengungen aus, eine Lösung zu finden, die âden legitimen Forderungen des libyschen Volkes Rechnung trĂ€gtâ und weist auf die Entscheidung des GeneralsekretĂ€rs der Vereinten Nationen hin, seinen Sondergesandten fĂŒr Libyen, Abdul Ilah al-Chatib, nach Libyen zu entsenden. Des Weiteren wird auf die Entscheidung des Sicherheitsrates der Afrikanischen Union hingewiesen, eine Vermittlergruppe nach Libyen zu entsenden, die dort einen Dialog voranbringen soll, der zu einer friedlichen und dauerhaften Lösung fĂŒhren solle.cite-ref-1[1]
DarĂŒber hinaus ermĂ€chtigt die Resolution ihre Mitgliedstaaten, eine Flugverbotszone ĂŒber Libyen einzurichten und âalle notwendigen MaĂnahmen zum Schutze der Bevölkerungâ zu ergreifen. Jegliche Besatzung libyschen Territoriums in irgendeiner Form durch eine auslĂ€ndische Macht wurde jedoch ausgeschlossen.cite-ref-2[2] Ausgeschlossen wird auch eine Lesart, der gemÀà das mit Resolution 1970 ĂŒber Libyen verhĂ€ngte Waffenembargo nun aufgehoben sein könnte. Das allgemeine Waffenembargo wird also ausdrĂŒcklich bestĂ€tigt.
Der Resolutionstext weist auf die Bedeutung der Arabischen Liga fĂŒr den Frieden und die Sicherheit in der Region hin und forderte die Organisation unter Kapitel VIII der Charta der Vereinten Nationen dazu auf, sich an der Umsetzung einer Flugverbotszone zu beteiligen.
Abstimmung und Ergebnis
Kurz vor der Abstimmung hatte der stĂ€ndige Vertreter der Russischen Föderation bei den Vereinten Nationen Witali Tschurkin vorgeschlagen, der UN-Sicherheitsrat solle zuerst ĂŒber eine Resolution fĂŒr einen Waffenstillstand in Libyen abstimmen. Die Botschafterin der Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen Susan Rice sagte daraufhin, eine Mehrheit im Sicherheitsrat sei gegen eine separate Resolution fĂŒr einen Waffenstillstand. Ein Waffenstillstand könnte aber in die Resolution ĂŒber eine Flugverbotszone aufgenommen werden.cite-ref-3[3]
FĂŒr die Annahme waren mindestens neun Stimmen und das Ausbleiben eines Vetos notwendig. Zehn Ratsmitglieder stimmten dann fĂŒr die Resolution 1973, und da es kein Veto gab, wurde sie angenommen.
FĂŒr die Resolution 1973 stimmten von den stĂ€ndigen Mitgliedern: Vereinigte Staaten, Frankreich und das Vereinigte Königreich. Von den nicht-stĂ€ndigen Mitgliedern kamen sieben pro-Stimmen: Bosnien und Herzegowina und Portugal aus Europa, die afrikanischen Staaten Gabun, Nigeria und SĂŒdafrika, das lateinamerikanische Kolumbien, sowie mit dem Libanon der einzige arabisch-muslimische Staat im Sicherheitsrat. Der Libanon hatte sich auch maĂgeblich an der Formulierung der Resolution beteiligt.
Chinas Vertreter Li Baodong erklĂ€rte, dass man ernsthafte Schwierigkeiten mit der Resolution habe, weil eine ganze Reihe konkreter Fragen offen geblieben seien. Nachdem man jedoch den Forderungen der Arabischen Ligacite-ref-5[5] und der Afrikanischen Union groĂe Bedeutung zugemessen habe, habe man die Resolution nicht blockieren wollen.
Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel erklĂ€rte, Deutschland wolle sich nicht an militĂ€rischen MaĂnahmen beteiligen und habe sich nur deshalb bei der Abstimmung der Stimme enthalten. Die Ziele der Resolution teile Deutschland. Deutschlands Enthaltung dĂŒrfe nicht mit NeutralitĂ€t verwechselt werden.cite-ref-6[6]
Ereignisse nach der Resolution
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Hauptartikel
:
Internationaler MilitÀreinsatz in Libyen 2011
Nach dem in der Resolution festgehaltenen Entschluss des Sicherheitsrates, eine Flugverbotszone ĂŒber Libyen durchzusetzen, fand der Pariser Gipfel zur UnterstĂŒtzung des libyschen Volkes statt. Am selben Tag kĂŒndigte Frankreich Luftangriffe an. Der libysche AuĂenminister Mussa Kussa erklĂ€rte, sein Land werde der UN-Resolution Folge leisten, und rief einen Waffenstillstand aus.cite-ref-7[7]
Nach Beginn der Luftangriffe auf Libyen bestritt Muammar al-Gaddafi die GĂŒltigkeit der Resolution. Er gab an, dass sie im Widerspruch zur Charta der Vereinten Nationen stehe, die jede kriegerische Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines Mitgliedslandes verbiete.cite-ref-8[8] Am 20. MĂ€rz forderte er zudem eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates in New York.cite-ref-9[9]
Den fĂŒr denselben Tag geplanten Besuch der Vermittlergruppe der Afrikanischen Union in Libyen verbot der UN-Sicherheitsrat. Ein Sprecher der Vermittlergruppe erklĂ€rte spĂ€ter, dass man die Vermittlungsmission in Libyen fortfĂŒhren werde, sobald die libysche Luftverteidigung ausgeschaltet sei.cite-ref-10[10] Noch am 19. MĂ€rz beschloss die Vermittlergruppe in Nouakchott ein KommuniquĂ©, mit dem sie Vertreter der Arabischen Liga, der Organisation der Islamischen Konferenz, der EuropĂ€ischen Union, der Vereinten Nationen (darunter die fĂŒnf stĂ€ndigen Mitglieder) sowie weitere Partner und Interessensvertreter zu einem Treffen in Addis Abeba am 25. MĂ€rz einlud. Auch wurden Vertreter der libyschen Regierung und des Nationalen Ăbergangsrates eingeladen, sich so bald wie möglich in Addis Abeba oder einem anderen Ort mit der Vermittlergruppe zu treffen.cite-ref-11[11]
Am 21. MĂ€rz war erwartet worden, dass der UN-Sicherheitsrat auf Anregung Chinas zu Libyen beraten werde.cite-ref-12[12] Diese Beratung war dann aber abgelehnt und auf den 24. MĂ€rz verschoben worden.cite-ref-13[13]cite-ref-14[14] Statt der von Libyen geforderten Dringlichkeitssitzung soll nach einer Unterrichtung von UN-GeneralsekretĂ€r Ban Ki-moon ĂŒber die ErfĂŒllung der Resolution 1973 beraten werden.cite-ref-15[15]
Ban Ki-Moon hat Russland aufgefordert, an der Umsetzung der Libyen-Resolution des UN-Sicherheitsrats mitzuwirken. Alle UN-Mitgliedsstaaten sollten sich an die Resolution halten und ihre Umsetzung ermöglichen, sagte Ban Ki-Moon am 22. MĂ€rz in Tunis. Das gelte auch fĂŒr LĂ€nder, die sich bei der Abstimmung im UN-Sicherheitsrat enthalten hĂ€tten. Ban reagierte mit seinen ĂuĂerungen auf eine Frage ĂŒber die wiederholte Kritik der russischen Regierung am militĂ€rischen Vorgehen in Libyen.cite-ref-16[16]
Interpretation des Waffenembargos
Schon in Resolution 1970 hatte der Sicherheitsrat ein Waffenembargo fĂŒr den libyschen BĂŒrgerkrieg verhĂ€ngt. Die Botschafterin der Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen Susan Rice vertrat die Auffassung, dass die Resolution 1973 keine Aussage zu Waffenlieferungen an die AufstĂ€ndischen enthalte. Sie denke, dass Waffenlieferungen an die AufstĂ€ndischen zwar nicht ausdrĂŒcklich autorisiert wĂŒrden, dass man jedoch bei sorgfĂ€ltigem Lesen zu dem Schluss kommen könne, dass Waffenlieferungen an die AufstĂ€ndischen nicht ausgeschlossen werden. Zu der Frage, ob die USA eine Bewaffnung der AufstĂ€ndischen planten, wollte sie sich nicht Ă€uĂern.cite-ref-17[17] Nach Auffassung des amerikanischen Politologen Edward C. Luck, des Sonderberaters des UN-GeneralsekretĂ€rs Ban Ki-Moon, sagten die Resolutionen 1970 und 1973 aber klar aus, dass Waffenembargo und die Forderung nach einem Waffenstillstand fĂŒr beide Konfliktparteien im libyschen BĂŒrgerkrieg geltencite-ref-18[18].
Nachdem bekannt geworden war, dass Ăgypten âseit ein paar Tagenâ Munition und Waffen an die AufstĂ€ndischen liefert,cite-ref-19[19] hatte das russische AuĂenministerium die USA auf das Verbot von Waffenlieferungen nach Libyen hingewiesen.cite-ref-20[20] Von der britischen Regierung heiĂt es, sie vertrete die Position, dass das Waffenembargo fĂŒr die AufstĂ€ndischen ebenso gelte, wie fĂŒr die libysche Regierung.cite-ref-21[21]
Am 29. MĂ€rz 2011 vertrat US-PrĂ€sident Barack Obama die Auffassung, dass die Lieferung von Waffen an die AufstĂ€ndischen von der Resolution erlaubt sei. Dieselbe Meinung vertrat US-AuĂenministerin Hillary Clinton: Die Resolution 1973 erweitere in diesem Punkt die Resolution 1970. Der britische AuĂenminister William Hague unterstĂŒtzte Clintons Meinung. Der französische AuĂenminister Alain JuppĂ© meinte dagegen, eine neue UN-Resolution wĂ€re hierfĂŒr notwendig. Auch NATO-GeneralsekretĂ€r Anders Fogh Rasmussen meinte, Waffenlieferungen an die AufstĂ€ndischen seien nicht von der UN-Resolution 1973 gedeckt.cite-ref-22[22]cite-ref-23[23] Von Seiten der Gegner von Waffenlieferungen wird geltend gemacht, dass man dann auch Ausbilder nach Libyen entsenden mĂŒsste, um die AufstĂ€ndischen an den Waffen zu trainieren. Weiter gibt es Bedenken, dass die Waffen in die HĂ€nde von Terroristen fallen könnten. Unter die Rebellen könnten sich auch Mitglieder der al-Qaida und der Hisbollah-Bewegung gemischt haben.cite-ref-24[24]
Debatte zu Flugverbotszonen in anderen arabischen Staaten
Am 19. MĂ€rz wandten sich Oppositionsgruppen im Jemen mit einem Hilferuf an die internationale Gemeinschaft. Der Weltsicherheitsrat solle auch in ihrem Land politische und moralische Verantwortung ĂŒbernehmen und entsprechende MaĂnahmen zum âSchutz der Zivilpersonenâ einleiten.cite-ref-25[25] Am 25. MĂ€rz erklĂ€rte Nicolas Sarkozy, dass Frankreich âab sofortâ immer so reagieren werde wie in Libyen: âJeder arabische Herrscher muss verstehen, dass die Reaktion der internationalen Gemeinschaft und Europas von nun an jedes Mal die Gleiche sein wird.âcite-ref-26[26] Am 27. MĂ€rz schloss US-AuĂenministerin Hillary Clinton ein militĂ€risches Eingreifen in Syrien aus. Als Grund gab sie an, dass die Gewalt in Libyen viel schlimmer gewesen sei. In Syrien bombardiere niemand die eigenen StĂ€dte.cite-ref-27[27]
Am 10. April 2011 forderte der Vorsitzende der Arabischen Liga Amr Musa eine Flugverbotszone fĂŒr den Gazastreifen, um Angriffe der israelischen Luftwaffe zu stoppen.cite-ref-28[28]
Weitere Enthaltungen zur Resolution durch Staaten
Neben dem EU-Mitglied Deutschland nahmen sĂ€mtliche nord- und mitteleuropĂ€ischen EU-Mitgliedstaaten (Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, RumĂ€nien und Bulgarien) sowie Finnland, Schweden, Irland und Ăsterreich nicht am MilitĂ€reinsatz teil.cite-ref-29[29] So enthielt sich beispielsweise auch das EU-Mitgliedsland Tschechien und entsandte im Vorfeld des MilitĂ€reinsatzes in Libyen keine eigene militĂ€rische UnterstĂŒtzung.cite-ref-30[30] Eine spĂ€tere Einbindung dieser europĂ€ischen Staaten erfolgte erst mit der Ăbertragung des FĂŒhrungskommandos auf die NATO.
Kritik an der Resolution
Kritik anderer Staaten
China
Das chinesische AuĂenministerium veröffentlichte eine ErklĂ€rung, in der es seinen Respekt fĂŒr die SouverĂ€nitĂ€t und UnabhĂ€ngigkeit Libyens betonte. China lehne Gewalt in internationalen Beziehungen ab. Es Ă€uĂerte âernste Bedenkenâ gegen die Resolution und forderte, die Krise im Dialog zu lösen.cite-ref-31[31]
Russland
Das russische Abgeordnetenhaus, die Duma, billigte in einer offiziellen EntschlieĂung die Enthaltung Russlands. Sie warf den BefĂŒrwortern der Flugverbotszone vor, die russischen BemĂŒhungen, den Konflikt in Libyen mit politischen Mitteln friedlich zu lösen, hintertrieben zu haben. PrĂ€sident Dmitri Medwedew mĂŒsse nun im Sicherheitsrat darauf hinwirken, dass das MilitĂ€rbĂŒndnis seinen Einsatz in Libyen auf das Erreichen humanitĂ€rer Ziele beschrĂ€nke.cite-ref-32[32]
Der russische MinisterprĂ€sident Wladimir Putin bezeichnete einige Tage zuvor die Resolution 1973 in einer persönlichen Stellungnahme als âunvollwertigâ und âschĂ€dlichâ und verglich sie mit einer Aufforderung zum Kreuzzug. Sie gestatte allen, alles zu unternehmen, alle MaĂnahmen gegen einen souverĂ€nen Staat.cite-ref-33[33] Der russische StaatsprĂ€sident Dmitri Medwedew wies den Vergleich mit dem Kreuzzug zurĂŒck. Die Wortwahl fördere den âKampf der Zivilisationenâ.cite-ref-34[34]
Am 12. August 2011 hatte auch Russland den UN-Sanktionen zugestimmt und beteiligte sich am Einreiseverbot fĂŒr Muammar al Gaddafi und weiteren Personen, der Sperrung von Konten von al-Gaddafi sowie von Mitgliedern seiner Familie und seiner FĂŒhrungsriege, einem Flugverbot fĂŒr libysche Maschinen und der möglichen Kontrolle von verdĂ€chtigen libysche Schiffe auf hoher See durch russische SeestreitkrĂ€fte.cite-ref-35[35]
Indien
Der indische UN-Botschafter Hardeep Singh Puri kritisierte weitreichende MaĂnahmen der Resolution ohne Antworten auf grundlegende Fragen. Es gebe keine ausreichenden Informationen als Grundlage. GefĂŒrchtet wurde eine GefĂ€hrdung der Territorialen IntegritĂ€t und der Zivilbevölkerung Libyens.cite-ref-36[36]
Brasilien
Der UN-Botschafter Brasiliens Maria Luisa Viotti sagte, man sei nicht ĂŒberzeugt, die angedrohten militĂ€rischen MaĂnahmen wĂŒrden zum sofortigen Ende der Gewalt und Schutz von Zivilisten fĂŒhren.cite-ref-37[37]
Nicaragua
Der nicaraguanische PrĂ€sident Daniel Ortega verurteilte die Resolution 1973. Das ganze Interesse bestehe darin, sich des Ăls zu bemĂ€chtigen, die Demokratie sei nur ein Vorwand; âwas sie wollen, ist das Ăl Libyens und sie streiten unter sich, wer als Erster ankommen werde, um Libyen zu besetzenâ. Die UN, so Ortega, habe sich in âein Instrument der MĂ€chte, des Todes und des Kriegesâ umgewandeltcite-ref-38[38].
Völkerrecht
Reinhard Merkel, Professor fĂŒr Strafrecht und Rechtsphilosophie an der UniversitĂ€t Hamburg, beurteilt die Resolution und die MilitĂ€rintervention in Libyen, die sich auf sie beruft, als völkerrechtswidrig. Das militĂ€rische Eingreifen in einen BĂŒrgerkrieg auf fremdem Territorium sei durch zahlreiche völkerrechtliche Normen verboten, so etwa in Artikel 3 des Zweiten Zusatzprotokolls zu den Genfer Konventionen von 1977 oder in der Entscheidung des Internationalen Gerichtshofs im Streitfall âNicaragua v. United States of Americaâ von 1986. Ein militĂ€risches Eingreifen von auĂen sei nur im Extremfall zulĂ€ssig, wenn nĂ€mlich ein Völkermord oder ein systematisches Verbrechen gegen die Menschlichkeit gemÀà Artikel 7 des Statuts des Internationalen Strafgerichtshofs verhindert werden mĂŒsse. Nur dann sei eine humanitĂ€re Intervention legitim.cite-ref-39[39]
Christian Tomuschat, Professor emeritus fĂŒr Ăffentliches Recht, Völker- und Europarecht an der Humboldt-UniversitĂ€t Berlin widersprach Reinhard Merkel. Merkels Denkmodell beziehe sich auf âdas schlichte Denkmodell von Staat zu Staat.â Hier handele es sich aber nicht âum Auseinandersetzungen im klassischen zwischenstaatlichen Systemâ, denn schlieĂlich habe der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen interveniert.cite-ref-40[40]
Gunnar Heinsohn, Autor der ersten Genozid-EnzyklopĂ€die Lexikon der Völkermorde, bezeichnet die Resolution als âMusterbeispielâ fĂŒr Einseitigkeit. Dass die libysche FĂŒhrung Söldner gegen die AufstĂ€ndischen einsetze, verurteile die Resolution. Dass aber von den AufstĂ€ndischen Schwarzafrikaner unter dem Vorwurf, Söldner zu sein, umgebracht wurden, sei von der Resolution weder angemahnt noch mit Sanktionen bedroht worden. Bei diesen Massakern handele es sich möglicherweise um Völkermordakte der AufstĂ€ndischen an den schwarzafrikanischen Minderheiten.cite-ref-41[41]
Der deutsche Politikwissenschaftler August Pradetto nennt die Resolution âeine konfuse, unĂŒberlegte ErmĂ€chtigung, die auĂer dem Nichteinsatz von Bodentruppen [âŠ] praktisch alles erlaubt und alles offen lĂ€sst â mit kaum abschĂ€tzbaren Konsequenzen nicht nur fĂŒr die humanitĂ€re Lage in Libyen und fĂŒr die Entwicklung im arabischen Raum und in Nordafrika, sondern auch fĂŒr Europa und den Westen.âcite-ref-standard28-3-42-0[42]
Dagegen bewertet Peter Hilpold, Professor fĂŒr Völkerrecht und EuropĂ€isches Recht an der UniversitĂ€t Innsbruck, die Resolution als âhistorischâ. Sie sei âBeleg fĂŒr die Bereitschaft der Staatengemeinschaft, fĂŒr die Einhaltung grundlegender Menschenrechte einzustehenâ.cite-ref-43[43]
Nach Auffassung von Richard N. Haass, dem PrĂ€sidenten des Council on Foreign Relations, gab es keine ĂŒberzeugenden Beweise dafĂŒr, dass ein gröĂeres Massaker oder ein Genozid wahrscheinlich gewesen sei oder gar unmittelbar bevorstand. Mit dem âdrohenden Massakerâ hatten BefĂŒrworter der Resolution fĂŒr eine möglichst schnelle Beschlussfassung ĂŒber die Flugverbotszone zum Schutz der Zivilisten argumentiert.cite-ref-44[44]
Auseinandersetzung ĂŒber die Enthaltung Deutschlands
In seiner RegierungserklĂ€rung vor dem Deutschen Bundestag am 16. MĂ€rz 2011 sagte BundesauĂenminister Westerwelle, die Flugverbotszone werfe mehr Fragen und Probleme auf, als sie zu lösen verspreche. Es handele sich um eine militĂ€rische Intervention, bei der nicht einmal klar sei, dass sie in einem Land wie Libyen wirkungsvoll sein könne. Es bestehe die Gefahr, dass am Ende genau das Gegenteil stehe, als was man damit politisch zu erreichen beabsichtige. Das sei zu befĂŒrchten, wenn âunser Handelnâ zu mehr Gewalt statt zu Freiheit und Frieden fĂŒhre. Das Ergebnis davon wĂ€re dann keine StĂ€rkung, sondern eine SchwĂ€chung der demokratischen Bewegungen in der Region, weil die Folgen eines MilitĂ€reinsatzes auf die gesamte nordafrikanische Region und die gesamte arabische Welt ausstrahlten. Niemand solle sich der Illusion hingeben, es gehe bei einer Flugverbotszone âlediglich um das Aufstellen eines Verkehrsschildesâ. Man wolle und dĂŒrfe nicht zur âKriegspartei in einem BĂŒrgerkriegâ werden. Dazu könne es kommen, wenn die Angriffe am Boden trotz der Flugverbotszone weitergingen. Die BekĂ€mpfung der Panzer Gaddafis aus der Luft und sogar die Entsendung von Bodentruppen könne dann unausweichlich werden. Auf diese âschiefe Ebeneâ wolle man sich nicht begeben. Die Alternative zur Flugverbotszone sei jedoch ânicht Tatenlosigkeitâ, sondern gezielte Sanktionen zur Erhöhung des Drucks auf Gaddafi. Zudem habe man âin den vergangenen Tagenâ erste Kontakte mit dem Nationalen Ăbergangsrat geknĂŒpft, in dem Guido Westerwelle einen wichtigen politischen Ansprechpartner erkennt.cite-ref-45[45]
In den Fraktionen des deutschen Bundestags gab es weitgehende Zustimmung fĂŒr die deutsche Enthaltung, selbst von der Opposition.cite-ref-46[46] Die Entscheidung stieĂ aber auch auf Ablehnung;cite-ref-47[47] Rolf MĂŒtzenich vermutete innenpolitische GrĂŒnde durch bevorstehende Landtagswahlen,cite-ref-48[48] Heidemarie Wieczorek-Zeul bezeichnete es als âSchandeâ, dass sich Deutschland dem Prinzip der Schutzverantwortung entziehecite-ref-dradio-49-0[49] und Omid Nouripour bezeichnete die Entscheidung als âBlamageâ.cite-ref-dradio-49-1[49]
Innerhalb der Parteien gab es â mit Ausnahme der Linkspartei â unterschiedliche Positionen.cite-ref-50[50]cite-ref-spiegel22-3-51-0[51] Kritisiert wurde vor allem mangelnde BĂŒndnissolidaritĂ€t und eine isolierte Position.cite-ref-sinjen-52-0[52]
BundestagsprĂ€sident Norbert Lammert kritisierte, zwischen einem Ja zu einer Flugverbotszone und einer Beteiligung deutscher Soldaten bestehe kein unmittelbarer Zusammenhang.cite-ref-53[53] Die auĂenpolitische Sprecherin der GrĂŒnen im Bundestag Kerstin MĂŒller hielt die Enthaltung fĂŒr eine âschwerwiegende Fehlentscheidungâ.cite-ref-54[54]
Der ehemalige deutsche Diplomat und Völkerrechtler Wolfgang Ischinger konnte Skepsis an der Resolution nachvollziehen, vertrat aber der Auffassung, dass es âvielleicht [âŠ] auĂenpolitisch leichterâ gewesen wĂ€re, man hĂ€tte zugestimmt, denn viele Teile der Resolution wĂŒrden von der Bundesregierung mitgetragen.cite-ref-58[58]
Der deutsche Professor fĂŒr Internationale Beziehungen an der UniversitĂ€t ZĂŒrich Dieter Ruloff sagte, Deutschland sei Franzosen und Briten in den RĂŒcken gefallen und kritisierte die Politik als âDesasterâ mit âPirouetten [âŠ] gegenĂŒber Libyenâ.cite-ref-59[59]
Die Leiterin des Berliner BĂŒros des European Council on Foreign Relations Ulrike GuĂ©rot sah die Position im Zusammenhang eines âdeutsche[n] Nationalismusâ. Deutschland interessiere sich âschon seit einiger Zeit kaum noch fĂŒr Europaâ.cite-ref-freitag29-3-60-0[60]
In Teilen der deutschen Presse wird wegen der Enthaltung als Flucht aus der Verantwortung kritisiert und ein Vertrauensverlust bei verbĂŒndeten Staaten befĂŒrchtet.cite-ref-61[61]cite-ref-62[62] Noch nie habe sich Deutschland gegen alle wesentlichen westlichen Partner gestellt.cite-ref-zeit24-3-63-0[63]cite-ref-spiegel29-3-64-0[64]cite-ref-joffe25-3-65-0[65]
Meinungen im Ausland
Der französische Journalist und Philosoph Bernard-Henri LĂ©vy bezeichnet die deutsche Haltung als âeine Katastrophe, vor allem fĂŒr die Libyer, aber auch fĂŒr die Deutschenâ. Deutschland habe âalle Grundlagen der deutschen AuĂenpolitik seit Kriegsende ĂŒber den Haufen geworfenâ und werde ânoch bitter bezahlenâ.cite-ref-spiegel27-3-68-0[68]
Andere europĂ€ische Zeitungen meinen, die deutsche Position sei unklar und Deutschland habe sich âins Abseits begebenâ.cite-ref-69[69]
Abdel Hafiz Ghoga, Sprecher des Nationalen Ăbergangsrats in Bengasi, Ă€uĂerte sich gegenĂŒber der Welt am Sonntag enttĂ€uscht ĂŒber das deutsche Votum: âWir werden uns spĂ€ter daran erinnern, wer uns aus der internationalen Gemeinschaft beigestanden hat und wer nicht.âcite-ref-70[70]
Das MdEP fĂŒr KSÄM und stellvertretender Vorsitzender des Zentralkomitees der KSÄM JiĆĂ MaĆĄtĂĄlka Ă€uĂerte seine Zufriedenheit mit der deutschen Stellung. Als möglichen Grund dafĂŒr nennt er die Tatsache, dass Deutschland keine offensichtliche koloniale Vergangenheit wie GroĂbritannien und Frankreich hat. Deshalb seien die deutschen Politiker, so MaĆĄtĂĄlka, vorsichtiger hinsichtlich der GewaltausĂŒbungcite-ref-71[71].
Siehe auch
Literatur
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Weblinks
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âą Security Council authorizes âall necessary measuresâ to protect civilians in Libya - UN News Centre
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âą Knut Mellenthin: Einladung zum Angriffskrieg, In: junge Welt vom 23. MĂ€rz 2011
⹠Reinhard Merkel: Die MilitÀrintervention gegen Gaddafi ist illegitim, In: FAZ.net vom 21. MÀrz 2011
⹠Ulrich Hottelet: Die Bundesregierung knickt vor Gaddafi ein, das ist beschÀmend, Cicero Online vom 16. MÀrz 2011
âą Karl Grobe: Die ungleichen Kriege. Leitartikel zum Verhalten der UN. In: Frankfurter Rundschau. 5. April 2011, abgerufen am 6. April 2011 (Vergleich der Resolution 1973 mit der Resolution 1975 zur Regierungskrise in der ElfenbeinkĂŒste 2010/2011).
Einzelnachweise
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ĐŸĐŽĐŸĐŒ, Putin nannte die Operation in Libyen gewissenslosen Kreuzzug, lenta.ru, (russisch)
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